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Kommentar: TSN plus OPC UA - Der große Poker!

Rockwell Automation ist den "Shapern" beigetreten. Welche Auswirkungen könnte diese Entscheidung auf Siemens und vor allem auf die OPC Foundation haben? Ein Kommentar.

Meinrad Happacher, Chefredakteur der Fachzeitschrift Computer&AUTOMATION Bildquelle: © WEKA Fachmedien

Ein Kommentar von Meinrad Happacher, Editor at Large Computer&AUTOMATION

Keine zehn oder 15 Feldbusse mehr – nur noch eine einheitliche Kommunikationslösung für den deterministischen zyklischen und azyklischen Datenverkehr von der Feldebene bis hoch in Cloud.  Diesen Traum verfolgen die Shaper - ein von Kuka im März 2015 initiiertes Konglomerat von Firmen, die TSN plus OPC UA als „den“ Kommunikationsstandard in der Industriewelt setzen wollen.

Doch wie die ganzen Aufgaben bewältigen, die für das Festzurren und Durchsetzen eines globalen Standards notwendig sind? Idealerweise sollten all diese Arbeiten unter dem Dach der OPC Foundation laufen – so der Vorschlag der Mehrheit der Shaper-Firmen.  Innerhalb der Foundation gibt es zwar eine Arbeitsgruppe, die sich diesen Aufgaben eines industriellen TSN- plus OPC UA-Standards widmet. Doch die Shaper beißen sich bis dato an der OPC Foundation die Zähne aus – „erlaubt“ doch die Foundation „nur“ das Gedankengut von echtzeitfähiger Controller-zu-Controller-Kommunikation. Die zusätzliche Berücksichtigung von echtzeitfähiger Controller-zu-Feldkommunikation, also hauptsächlich zu Antrieben und generischen I/Os inkl. der dazugehörigen Functional Safety, sind in der Foundation bisher tabu, so die Aussage der Shaper. Dies ist dieselbe Haltung, welche auch Siemens und Profinet International dazu innehaben – ein Schelm wer Böses dabei denkt. Man müsse die Neutralität wahren, was Verbindungs-Standards betrifft; man könne den Einsatz von OPC UA plus TNS für zyklischen Verkehr nur bis herunter zur Controller/Controller Ebene verantworten. – Alles Argumente, die von der Führungsspitze der OPC Foundation für die ablehnende Haltung ins Spiel gebracht werden.  

Sind es vielleicht persönliche Befindlichkeiten der OPC-Führungsspitze? Sind es Eigeninteressen einiger Firmen, auf deren Payrolls die Führungskräfte im Board der OPC Foundation stehen? Schnell fallen immer wieder derartige Argumente für die Foundation-Verweigerung  des Shaper-Traums.

Roboter Nao Bildquelle: © Computer&AUTOMATION

Die OPC Foundation – Spielball der Giganten?

Bei den von uns geführten Gesprächen mit den Siemens-, wie auch den Rockwell-Verantwortlichen war indes klar zu spüren: Egal ob in Cleveland oder in Nürnberg-Moorenbrunn - man sieht sich nicht nur als Gründungsmitglied der OPC Foundation! Klar: Beide Firmen haben jeweils nur eine Stimme im Führungsgremium der OPC Foundation – wie die anderen Firmen auch. Aber allein schon durch die Marktmacht von Siemens ist klar: Gegen den Konzern ist nur sehr schwer ein großflächig akzeptierter Standard zu etablieren. Und so wie Siemens weiß auch Rockwell Automation überzeugende Argumente seiner Macht ins Feld zu führen. – Eine OPC Foundation kann also schwerlich ohne den Segen dieser beiden Automatisierungs-Giganten agieren.

Nicht umsonst hat deshalb die Rockwell-Ankündigung auf der Hannover Messe für Aufsehen gesorgt: Man werde den Shapern beitreten, hieß es in einer Pressemeldung. Macht sich Rockwell Automation also stark für den „einen“ Kommunikationsstandard TSN plus OPC UA?  Werden die Shaper mit ihren Wünschen nun unter das Dach der ODVA schlüpfen, weil sich die OPC Foundation standhaft weigert, das Thema Controller/Feld ebenfalls zu adressieren? Oder wird sich Rockwell dafür einsetzen, die notwendigen Aktivitäten unter dem Dach der OPC Foundation zu verankern? Die Antworten, die uns Paul Brooks, verantwortlicher Business Development Manager, auf der Messe gab, bringen nicht unbedingt Klarheit in die Sachlage: Ja, man müsse der OPC Foundation helfen, erfolgreich zu sein! Und ja, man sei von OPC UA und TSN überzeugt – allerdings nicht als ausschließliche Lösung.

Klar – Sowohl Rockwell als auch Siemens müssen ihre und die Investitionen ihrer Kunden in Ethernet/IP und Profinet so lange wie möglich schützen. Allerdings könnte man auch das eine tun, ohne das andere zu lassen. Der Markt und die Kunden sind erwachsen genug, um mit diesen Veränderungen umzugehen – sofern man ihnen gegenüber eine offene und ehrliche Kommunikation betreibt. Aktionen wie Controller/Feld totzuschweigen gehören nicht dazu!

Haben sich die Shaper mit Rockwell Automation also tatsächlich einen Mitstreiter ins Boot geholt, der das Vorhaben eines  einzigen einheitlichen OPC UA TSN Standard unterstützt? Oder bekommen wir zu den 15 Feldbussen - mit TSN plus OPC UA nach Shaper-Gusto auch noch eine TSN plus Ethernet/IP Variante dazu?  Profinet, Sercos und EtherCAT über TSN jedenfalls gibt es bereits.

Wäre es  nicht endlich an der Zeit, dass sich die obersten Heeresleitungen der marktbeherrschenden Systeme an einen Tisch setzen und endlich diesem Unsinn ein Ende machen? Wann werden die eingefleischten Feldbuskrieger endlich verstehen, dass – wie in der Consumer-Welt – die Geschäfte für alle Player wesentlich besser laufen, wenn man dem Marktwunsch entsprechend auf einem einheitlichen Infrastruktur-Standard aufsetzen kann. Wettbewerb muss sein, aber bei den Produkten, nicht in der Kommunikations-Infrastruktur. Irgendwann muss doch jede Poker-Session ein Ende finden!