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Kommentar zu Industrie 4.0: Das Glaskugelspiel

Wie viele Arbeitsplätze kostet uns die Umsetzung der Vision Industrie 4.0? – In der aufkeimenden Diskussion um diese Frage blenden wir bis dato einen ganz wesentlichen Punkt noch komplett aus!

Meinrad Happacher, Chefredakteur der Fachzeitschrift Computer&AUTOMATION Bildquelle: © WEKA Fachmedien

Ein Kommentar von Meinrad Happacher, Chefredakteur Computer&AUTOMATION

Mitte Januar ist die Industrie 4.0 – beziehungsweise die 4. Industrielle Revolution – ganz oben in Wirtschaft und Politik angekommen: auf dem World Economic Forum in Davos. Schon zu Beginn des ­Forums sorgt die Veröffentlichung  einer vom Weltwirtschaftsforum selbst erstellten Studie für Wirbel: Genau 5,1 Millionen Arbeitsplätze sollen dieser Revolution dem Papier zufolge in den 15 wichtigsten Industrie- und Schwellenländern bis Ende 2020 zum Opfer fallen – viele davon in Deutschland!

Es ist bemerkenswert, wie die Befragung der Per­sonalleiter aus den 350 größten Konzernen der Welt schon eine derart exakte Prognose zulässt. ­Zumal die vermeintlichen Akteure dieser Revolution doch erst in der Findungsphase stecken.

Aber gut! – Wenn der Blick in die Glaskugel derart quantifizierbare Erkenntnisse zutage fördert, ­provoziert dies natürlich Reaktionen: "Die düstere Vision … können wir überhaupt nicht teilen", sagt etwa Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA [1] nur wenige Tage später. "Große Automatisierungswellen in den vergangenen Jahrzehnten haben weder zur Auslöschung von Berufen geführt noch die Beschäftigung insgesamt verringert. Steigende Produktivität führt zu mehr Wohlstand und damit zu einer erhöhten Nachfrage nach Arbeitskräften", ergänzt der VDMA-Chef und schließt die Beweis­führung: "Die deutsche Volkswirtschaft besitzt die dritthöchste Roboterdichte der Welt und hat dennoch einen neuen Beschäftigungsrekord aufgestellt."

Auch der VDI [2] meldet sich – wenn auch etwas differenzierter – zu Wort: "Es ist nie die Technologie selbst, die Jobs vernichtet", sagt Dagmar Dirzus, ­Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft für Mess- und Automatisierungstechnik. Eine selbst in Auftrag gegebene Studie habe ergeben: "Das Schreckgespenst der Digitalisierung als Auslöser von massiven Arbeitsverlusten ist noch nicht erkennbar." Das Wort 'noch' impliziere allerdings dringenden Handlungsbedarf. Dirzus ist sich sicher, dass sich der ­"Bedarf an menschlicher Arbeit im Zuge der digitalen Transformation radikal und auf bisher nicht erlebte Art verändern" werde. Sollte es nicht gelingen, sich diesem Bedarf anzupassen, könne die Digitalisierung sehr wohl zum Schreckgespenst werden.

Keine Frage: Es ist absolut wünschenswert, dass wir in Deutschland die Industrie-4.0-Kurve kriegen. Wir sollten alles daran setzen, zu den Gestaltern des neuen Zeitalters zu zählen. Doch bei all dem Ab­wägen der Gefahren und Chancen für uns und die ­deutsche Wirtschaft sollten wir den Blick über die Landesgrenzen hinaus nicht vergessen.

Legen wir also die Glaskugel beiseite und rufen uns die bereits 1943 niedergeschriebene Erkenntnis des Glasperlenspiels von Hermann Hesse in Erinnerung: Josef Knecht, der Held der Geschichte, muss er­kennen, dass aufgrund der weltpolitischen Lage die Existenz seiner geliebten Provinz auf tönernen Füßen steht, dass die provinzialische Isolation mittelfristig nicht haltbar ist und sich die Provinz dem weltlichen Leben öffnen muss, um zu überleben! – Die vielen Wirtschaftsflüchtlinge, die heute schon den Weg zu uns suchen, führen uns plastisch vor Augen, dass ­Hesses Werk an Aktualität nichts eingebüßt hat.