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Industrierobotik: Igus setzt auf 'Low Cost Automation'

Igus hat zum Jahresbeginn einen eigenen Geschäftsbereich für 'Low Cost Automation' ins Leben gerufen. Welche Motivation dahintersteckt und welche Rolle die Robotik dabei spielt, erläutert Stefan Niermann, Leiter des neuen Geschäftsbereiches.

Stefan Niermann Bildquelle: © Igus

Stefan Niermann, Igus: „Der Begriff ‚Low Cost‘ ist nicht im Bereich ‚quality‘ anzusiedeln, sondern vielmehr im Kontext der Anschaffungskosten ­beziehungsweise einer schnellen Amortisation.“

Herr Niermann, was hat Igus bewogen, einen Geschäftsbereich ‚Low Cost Automation‘ zu gründen?

Stefan Niermann: Wir glauben, dass speziell im Mittelstand – aber auch in großen Werken beispielsweise im Automobilbau – ein enormer Bedarf für ‚Low Cost Automation‘ besteht. Wir sehen dies auch in unserem eigenen Unternehmen, wo es immer öfter darum geht, einfache Arbeitsschritte – zum Beispiel Montage- oder Sortieraufgaben – mit einem Invest zu automatisieren, der überschaubar ist und sich idealerweise in einem Zeitraum von unter einem halben Jahr amortisiert. In unserer Business Unit Linear- und Antriebstechnik, die bereits seit 20 Jahren existiert, entwickeln wir schon lange Automatisierungslösungen wie etwa Portale – und Anfang letzten Jahres auch einen Delta-Roboter. Parallel dazu gab es einen weiteren Geschäftsbereich – genannt Robolink –, der im Jahr 2009 als kleine Geschäftseinheit gestartet ist und sich heute primär mit Robotik-Baukästen bestehend aus einzelnen Gelenken bis hin zu kompletten Roboterarmen beschäftigt. Wir legen diese beiden Geschäftsbereiche jetzt zusammen, um dem Kunden unter der Bezeichnung ‚Low Cost Automation‘ das komplette Portfolio der günstigen Automatisierunglösungen auf einem Blick präsentieren zu können. Das vereinfacht dem Anwender eine schnelle Entscheidung für das richtige Produkt.

Unter dem Dach von Robolink hat Igus im Jahr 2010 zunächst Seilzug-Roboter vorgestellt. Wie hat sich das Thema seither entwickelt?

Stefan Niermann:  Die Seilzugroboter gibt es noch, sie werden aber nicht mehr aktiv weiterentwickelt. Grund ist, dass sich die Technologie am Markt – speziell als Industrielösung – nicht durchgesetzt hat. Der Seilzug ist technisch schwer zu kontrollieren und steuerungstechnisch sehr herausfordernd. Seit 2014 setzen wir daher auf ein anderes Konzept, welches wir bis heute verfolgen – die Gelenkarm-Roboter. Diese verfügen in jeder Achse über ein Getriebe und einen Motor mit integrierten Sensoren. Zudem arbeiten wir hier mit möglichst vielen Kunststoff-Spritzgussteilen, um die Kosten niedrig zu halten und die Integration der einzelnen Komponenten im Roboterarm leicht zu realisieren.

Der Claim von Igus auf der bevorstehenden Hannover Messe lautet: Vom ‚Rohboter‘ zum Roboter. Was meinen Sie damit konkret?

Stefan Niermann: ‚Roh‘ bedeutet schlicht ‚noch nicht ganz fertig‘. Das heißt: Wir als Igus liefern die Statik und Kinematik, hergestellt hauptsächlich mit Kunststoff-Technologie. Zu einem fertigen Roboter gehören aber neben ‚Skelett und Muskeln‘ noch das ‚Gehirn‘ in Form einer geeigneten Steuerung oder auch diverse ‚Sinnesorgane‘ wie Optiken beziehungsweise Kamerasysteme und nicht zuletzt die zur Applikation passenden Greifer. Auf der Messe werden wir den Besuchern anhand entsprechender Exponate demonstrieren, wie wir industrietaugliche Roboter-Einstiegslösungen zusammen mit Partnern wie Beckhoff, Schunk, Schmalz oder auch ifm realisieren können – und das bereits mit einem Startkapital für den Rohboter von 1.000 bis 3.000 Euro.

Integrierte Kabelkanäle Bildquelle: © Igus

Über integrierte Kabelkanäle werden in der neuesten ein­gehausten Generation Roboter die Leitungen innen geführt. Das spart Bauraum und bereitet die Gelenkarme für eine Ver­wendung auch im Bereich der Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) vor.

In puncto Kinematik zeigen Sie unter anderem einen neuen 4- bis 5-Achs-Rohboter. Was zeichnet diesen konkret aus?

Stefan Niermann: Im Vergleich zum bisherigen Robolink-D-Arm baut die neue Kinematik schmaler und hat keine außenliegende Energieführungskette mehr. Vielmehr haben wir die Leitungen in die seitlichen Kunststoff-Verkleidungen des Roboterarmes integriert. Das Grundgerüst ist weiterhin aus Metall, um eine hohe Steifigkeit zu erzielen, und auch die Getriebeart – wir verwenden ein Schneckenradgetriebe – ist gleich geblieben. Nochmal überarbeitet haben wir hingegen die einzelnen Kunststoff-Gelenke, wodurch wir am Ende einen präziseren Roboter bekommen, der gleichzeitig auch mehr Last tragen kann als bisher. Abhängig von der Geschwindigkeit wird die Nutzlast bei maximal 3 kg liegen, im Pick&Place-Betrieb bei 1,5 kg.

Was die Präzision des Roboters betrifft, sprechen wir von etwa ±0,3 mm bei der Punkt-zu-Punkt-Bewegung. Allerdings ist die Genauigkeit auch immer von der eingesetzten Steuerung und Encoder-Technologie abhängig. Auf der Messe werden wir diesbezüglich verschiedene Lösungen unterschiedlicher Hersteller zeigen – unter anderem von einem Start-up-Unternehmen, das über optische Kamera-Erfassung an allen Gelenken sofort gegenregelt und auf diese Weise eine extrem hohe Präzision aus unseren Roboterarmen herausholt.

Last but not least will Igus in Hannover das Konzept eines digitalen Marktplatzes für Low Cost Automation vorstellen. Wie sieht dieses aus?

Stefan Niermann: Ziel der neuen Website, die übrigens just am ersten Messetag unter der Domain rbtx.com live gehen wird, ist es, dem Anwender möglichst gut bei der Zusammenstellung seiner Automatisierungslösung zu führen und ihm zum Beispiel anhand von User Storys einen Vorschlag für einen möglichen ‚Rohboter‘ zu unterbreiten. Zudem bekommt er speziell ausgewählte Komponenten – wie Greifer und Kamera – angezeigt, bei denen er sich sicher sein kann, dass diese auch für die Anbindung an den Roboter geeignet sind und schon in vergleichbaren Anwendungen eingesetzt wurden.

Braucht es nicht noch etwas mehr, damit ein Maschinenbauer sich aus Low Cost Komponenten unterschiedlicher Anbieter auf einfache Weise eine Lösung zusammenbauen kann – also etwa angepasste Schnittstellen oder auch ein Software-Framework, über das sich alles auf einfache Weise integrieren lässt?

Stefan Niermann: Im ersten Schritt wird der Markplatz – wie bereits angedeutet – primär zur Orientierung dienen, welche Komponenten von welchen Herstellern miteinander zusammenspielen. Darüber hinaus beschäftigen wir uns aber bereits mit dem Gedanken, in einem weiteren Schritt auch den Integra-toren über die Plattform eine ‚Heimat‘ zu geben?

Wie soll das Geschäftsmodell des Marktplatzes aussehen? Bei wem kauft der Anwender letztlich seine Lösung?

Stefan Niermann: Es gibt diverse Plattform-Modelle. Wir arbeiten derzeit noch an einem geeigneten Modell und geben weitere Schritte nach der Hannover Messe bekannt.

Marktplätze leben von der Offenheit und einem möglichst breiten Angebot. Wer darf beim Online-Marktplatz von Igus mitmachen – auch Wettbewerber?

Stefan Niermann: Der Gedanke ist, dem Kunden über diese Plattform günstige Einstiegslösungen – zunächst auf Basis unserer Roboter aus Kunststoff – anzubieten. Ich stimme Ihnen zu: Um wirklich eine Plattform zu sein, kann und darf man Marktbegleiter nicht ausschließen. Im Moment sehe ich allerdings wenige Firmen, die sich auch für die Idee der Low Cost Automation begeistern. Unser Ziel lautet jedenfalls: Roboter von 1.000 bis 5.000 Euro! Sollten im Zuge der Plattform Anbieter an uns herantreten, die dieses Ziel ebenso verfolgen, können sie integriert werden. Ansonsten gilt: Die Nachfrage der Kunden regelt das Angebot der Plattform. 

Wie gehen Ihre potenziellen Marktplatz-Partner mit dem Begriff ‚Low Cost Automation‘ um? Ich kann mir vorstellen, dass damit nicht jeder ohne weiteres in Verbindung gebracht werden möchte?

Stefan Niermann:  Wir sind uns darüber bewusst, dass dieser Begriff reizt und vielleicht nicht bei jedem Anbieter und Kunden sofort auf Gegenliebe stößt. Wir sind aber ebenso davon überzeugt, dass es für Low Cost Automation einen anwachsenden Markt gibt, und daher guter Hoffnung, dass auch andere Hersteller dies für sich als neue Chance sehen und mit einem entsprechenden kosteneffektiven Low-Cost-Produkt nachziehen. Wenn am Ende jeder Plattform-Teilnehmer seine qualitativ hochwertigen Komponenten zu einem guten Preis dem Kunden anbietet und dieser auch die Sicherheit hat, dass alle Komponenten aufeinander abgestimmt sind, dann ist die erschwingliche Automatisierung realisiert.