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Nachgehakt bei Matthias Krinke: Der Roboter als Leiharbeiter?

Im November letzten Jahres wurde in Berlin die Firma Robozän gegründet, eine Zeitarbeitsfirma für Roboter. Geschäftsführer Matthias Krinke erläutert die Idee dahinter.

Matthias Krinke, Geschäftsführer bei Robozän Bildquelle: © Robozän

"Entscheidend ist, dass der humanoide Roboter als Teammitglied akzeptiert wird", so Matthias Krinke, Geschäftsführer bei Robozän.

Herr Krinke, eine Zeitarbeitsfirma für Roboter – das klingt sehr ‚abenteuerlich‘. Was steckt im Detail dahinter?
Die Idee ist folgende – Investoren kaufen einen humanoiden Roboter und vereinbaren mit der Zeitarbeitsfirma einen Arbeitsvertrag. Für jede gearbeitete Stunde erhalten Sie 8,50 Euro netto. Die Zeitarbeitsfirma garantiert eine Rendite von mindestens 1 % pro Jahr, der Besitzer des Roboters muss also keine Angst vor ‚Arbeitslosigkeit‘ haben. Die Firma, die den Roboter leiht, zahlt  16 Euro netto pro Stunde und muss einen Arbeits­vertrag für  mindestens sechs Monate und zwei Schichten abschließen. Nach sechs Monaten gilt eine Kündigungsfrist von vier ­Wochen.

Das Konzept hat drei besonders spannende Aspekte: Erstens ist es eine Demokratisierung von Produktionsmitteln. Zweitens ist es die ultimative Flexibilisierung von Arbeitsleistung in Bezug auf Menge und Tätigkeiten und drittens gibt es auch kleineren Unternehmen die Möglichkeit, Produktionsmittel zu nutzen, die in der Anschaffung bei einer nur temporären beziehungsweise auftragsbezogenen Nutzung zu teuer wären.

Was sollte ein Unternehmen dazu veranlassen, seine Roboter zu verleihen? – In der Regel werden diese doch in der eigenen Produktion benötigt.
Die Roboter werden von Anfang an als Leiharbeiter ­beschafft. Damit ist der Besitzer des Roboters in erster Linie an der Rendite interessiert. Aber natürlich könnten Firmen, die einen ­humanoiden Roboter besitzen und ihn zeitweise in der Produktion nicht benötigen, diesen auch der Zeitarbeitsfirma zur Verfügung stellen.

Sie vermitteln aber lediglich die sogenannten Workerbot3-Roboter der Firma pi4_robotics, die ebenfalls Ihnen gehört?
Die Zeitarbeitsfirma ist prinzipiell ­offen für alle Roboterhersteller. Allerdings haben wir noch keinen anderen Roboter am Markt ge­funden, der in zwei Tagen die hier vermittelte Arbeit übernehmen könnte. Das liegt an der einmaligen Kombination von einfachem Einlernen  und den visuellen Fähigkeiten des Roboters. Mittels seiner ‚sehenden‘ Hände kann er sich autonom selbst mit Teilen versorgen.

Ein Hemmschuh für viele Unternehmen ist immer noch, dass beim Thema Mensch-Roboter-Kooperation beziehungsweise ­Kollaboration das Thema Safety recht aufwendig ist. Wie gehen Sie damit um?
Speziell das Thema Kollaboration – also die direkte ­Zusammenarbeit von Mensch und Roboter an gemeinsamen Arbeitsplätzen ohne trennende Schutzeinrichtung – ist gerade etwas ‚overhyped‘ und wird meiner Meinung nach von einigen Akteuren leider unseriös kommuniziert. Dadurch wurden bei vielen Anwendern falsche Erwartungen geweckt:

Ein Beispiel: Ein Kunde wünscht einen Roboter, der so schnell wie ein Mitarbeiter ist, 3 kg dauerhaft heben kann, ein Skalpell zum Schneiden benutzt und dennoch ohne Risiko neben einem Menschen arbeiten soll. Zeigen Sie mir ein seriöses Konzept am Markt, welches diese Anforderung nach aktuell geltenden Normen ohne zusätzliche Kategorie-4-Schutzmaßnahmen erfüllt! Klar ist aber: Sicherheit ist beim humanoiden Roboter ganz groß geschrieben – hier darf es keine Abstriche geben! Allerdings erachte ich das direkte Hand-in-Hand-Arbeiten bei den meisten Anforderungen weder für sinnvoll noch für notwendig.

Robozän wurde im November 2015 gegründet. Wie viele ­Workerbot3-Roboter haben Sie über pi4_robotics generell schon im Markt und wie viele davon konnten Sie über das Zeitarbeits­modell bereits ‚in Arbeit‘ bringen?
Die Verkaufszahlen von pi4 bewegen sich auf die Stückzahl 100 zu. Robozän hat nach vielen Gesprächen nun die Bedürfnisse der Beteiligten präzisiert und sowohl Zeitarbeitskunden als auch potenzielle Roboterkäufer identifiziert. Aktuell sind wir dabei, die ersten Piloten umzusetzen, und haben – um das zu beschleunigen – ausnahmsweise selbst auch Workerbots bestellt.

Auf der zurückliegenden Automatica haben Sie die vierte Generation des Workerbot vorgestellt – was genau zeichnet diese aus?
Die vierte Generation ist eigentlich eine funktionale ­Ergänzung zur dritten Generation, die es modifiziert noch länger geben wird. Je nach Aufgabe gibt es verschiedene Ausstattungs­varianten. Die Variante mit dem größten Potenzial ist meiner ­Meinung nach der Workerbot4-Security. Sie kann am Empfang beispielsweise als ­Concierge eingesetzt werden oder an kritischen Eingangsbereichen mit Spezialsensorik etwa Radioaktivität, Sprengstoffe oder andere ­Risiken detektieren. Der Roboter verfügt zudem über Gesichtserkennung und kann damit Mitarbeiter von Besuchern unterscheiden.