Schwerpunkte

Lapp

Aufgestellt für Industrie 4.0

14. August 2018, 00:00 Uhr   |  Inka Krischke

Aufgestellt für Industrie 4.0
© Computer&AUTOMATION

Georg Stawowy: "Daten sind nicht nur der Rohstoff des 21. Jahrhunderts – sie sind eine Währung!"

Ohne eine leistungsfähige Infrastruktur sind weder Digitalisierung noch Vernetzung sinnvoll möglich. Georg Stawowy, Vorstand Technik und Innovation bei Lapp in Stuttgart, erläutert, wie sein Unternehmen sich für die Anforderungen einer Industrie 4.0 aufstellt.

Herr Stawowy, was bedeutet Industrie 4.0 für Lapp?
Georg Stawowy: Industrie 4.0 ist für uns ein neues Geschäftsfeld, eine neue Chance und eine andere Art, unser Geschäft zu betreiben. 

Und das heißt? 
Stawowy:
Zum einen muss das Thema Beratung und Verständnis von Applikationen deutlich stärker intensiviert werden, zum anderen werden die Innovationszyklen kürzer. Industrie 4.0 heißt, dass sich Dinge viel schneller entwickeln als bisher. Wenn man nur mal betrachtet, was sich allein auf der Protokollebene und auf der Standardisierungsebene tut! Da alles Brownfield ist, muss sich unser Portfolio enorm verbreitern. Ergo ist I4.0 letztlich ein neues Geschäft, das anders tickt – von der Geschwindigkeit und vom Verkaufsprozess her. Wir sehen das als Riesenchance für uns.

Und eine große Herausforderung! Wie bringen Sie Ihre Mannschaft in das Thema I4.0?
Stawowy: 
Das ist tatsächlich eine große Herausforderung. In erster Linie führen wir für die Mitarbeiter Schulungen und E-Learnings durch. Diese Schulungsaktivität ist extrem umfangreich – fast die Hälfte aller Mitarbeiter nimmt daran teil – und kommt sehr gut an. Letztlich vertrete ich die Maxime: „Jeder, der Kundenkontakt hat, muss über Industrie 4.0 Bescheid wissen!“ Zum Glück ist die Erkenntnis der Mitarbeiter, dass das Thema I4.0 auch etwas mit Zukunftsfähigkeit zu tun hat, weit durchgedrungen. Wir werden es aber natürlich nicht bei E-Learnings belassen können. Ein anderes Schulungskonzept wendet sich an Experten; da bieten wir zum Beispiel Präsenztrainings, die in bestimmte Themen tiefer einsteigen. So wird nicht jeder Mitarbeiter alles über TSN wissen müssen – aber wir werden Leute brauchen, die es tun. Ansonsten ist es wie bei jedem Change-Prozess: erklären, erklären, erklären, erklären. Schließlich ist im Bereich Datenkommunikation viel Beratungsleistung gefordert!

Der Umsatz im Bereich Industrial Data Communications – kurz IDC – wächst bei Lapp jährlich um über 20 % – was gehört konkret dazu?
Stawowy: 
IDC umfasst alle Stecker, Leitungen, Switche und im Prinzip auch Wireless-Verbindungen, kurz, alles, was mit Datentransport zu tun hat. Vorher haben wir immer von Automatisierungstechnik gesprochen. Doch ich habe mich dafür eingesetzt, stärker von Datenkommunikation zu reden – schließlich sind wir keine Full-Solution-Automatisierer und können das auch nicht sein. 

Wie Industrie-4.0-fähig ist Ihre eigene ­Fertigung?
Stawowy: 
Bei unseren ersten beiden Smart-Factory-Projekten ziehen wir in einem ersten Schritt über OPC UA Informationen aus dem Netzwerk. So können wir auf dem Handy oder Tablet sehen, ob die Maschinen in China und die in Frankreich laufen. Dies waren die ersten beiden Fabriken. Bei dem ganzen Thema Industrie 4.0 geht es ja am Ende darum, dass Sie den Kunde-Kunde-Prozess – also von der Bestellung bis zur Auslieferung – radikal verkürzen. Und die dafür nötige Vernetzung – ‚ich muss liefern, aber wie ist überhaupt meine Fertigungskapazität‘ – müssen wir bewerkstelligen.

Hinsichtlich der Entwicklung von Produkten sehen wir uns im Datenkommunikationsbereich auch danach um, was Partner beitragen könnten. Wir treffen hier auf ein Paradox: Auf der einen Seite heißt es, Industrie 4.0 bedeute Partnerschaften und Allianzen, auf der anderen Seite wird man beim Brandlabeln despektierlich angeguckt. Wir sehen das anders: Das Gesamtpaket, das ein Kunde für die Datenkommunikation braucht, kann meines Erachtens kein Anbieter allein abdecken. Als Hersteller müssen Sie auch nach links und rechts schauen – und insgesamt den Blick auf den Kunden richten. Als Lösungsanbieter muss ich wissen, wo ich genau das herbekomme, was mein Kunde braucht – ein solches Vorgehen ist nicht ehrenrührig, sondern gehört zur umfassenden Kundenorientierung dazu. Ein Beispiel: Letztes Jahr haben wir ein finnisches Unternehmen gekauft, das jetzt unter ‚Lapp Automaatio‘ firmiert. Das Geschäft dieser Firma, die sich im skandinavischen Raum auf Automatisierungstechnik und Datenkommunikation spezialisiert hat, ist es, bei allen möglichen Quellen Lösungen für Kunden zu kaufen, weil sie selbst kein Hersteller sind. Wir haben diese Firma gekauft, um letztlich genau solche Zugänge zu haben. 

Insbesondere beim Thema Wireless wird es sicher Allianzen und Kooperationen geben …
Stawowy: 
Ja. Da gab es schon Projekte mit verschiedenen Anbietern. Grundsätzlich haben wir aber keine vertraglichen Partnerschaften mit Wireless-Unternehmen. Dass die Wireless-Anbieter im Prinzip keine Konkurrenz für uns sind – ebenso wenig wie wir Konkurrenz für sie sind – erleichtert Partnerschaften. Auf der Herstellerseite gibt es keinen Konkurrenzkampf: Die Wireless-Hersteller können nicht das leisten, was Lapp leistet, und wir können – noch – nicht leisten, was die leisten. 

Wir sind im Kontakt mit Firmen, es gibt aber keine Joint Ventures oder Unternehmenskäufe, meines Erachtens ist das gar nicht notwendig. Doch die Frage wird sich natürlich verstärkt stellen, je mehr wir in das Thema Datenkommunikation eintauchen.

Sie sehen Lapp als ‚Kundenversteher‘ beziehungsweise Lotse für Industrie 4.0 – sind da Schulungen auch für Kunden im Bereich Datenkommunikation und Netzwerk-Aufbau angedacht?
Stawowy: 
Wir haben in der Vergangenheit zum Beispiel Webinare, Schulungen vor Ort oder auch Tutorials zu bestimmten Themen angeboten. Auf der SPS in Parma haben unsere italienischen Kollegen dieses Jahr einen Stand gehabt, auf dem es ausschließlich um die Schulung von Kunden ging, es wurde kein Produkt gezeigt. Und in diese Richtung wollen wir grundsätzlich gehen.

Inzwischen haben wir ein Netzwerk von ‚Centers of Excellence‘ aufgebaut: An Hochschulen weltweit gibt es Schulungslabore, um Studenten der Elektrotechnik oder ähnlichen Studiengängen die Kabeltechnologie näherzubringen. Mit Blick auf dieses Netzwerk wollen wir künftig Schulungen von Kunden in der Datenkommunikation anbieten. Das heißt, wir wollen diese Infrastruktur nutzen, aber auch in das Thema E-Learning gehen. Da das Angebot auf dem Markt sehr dürftig ist, was die physikalische Ebene anbelangt – welche Bussysteme gibt es, welche Kabel, welche Stecker – ist der Schulungsbedarf meines Erachtens riesig. Daher werden wir unser Angebot hier im nächsten Jahr deutlich forcieren.

Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenAuf Linkedin teilenVia Mail teilen

Verwandte Artikel

U.I. LAPP GmbH

SPS 2019