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Elektromechanik: Schaltschrank - fit für Industrie 4.0

Fortsetzung des Artikels von Teil 2.

Drei Entwicklungsteams

Vor der konstruktiven Umsetzung dieser Leitlinie gab es jedoch noch einen Zwischenschritt, bei dem drei Entwicklungsteams gleichzeitig ‚ins Rennen geschickt‘ wurden: das Team Forschung und Entwicklung im Herborner Hauptsitz, ein Team aus dem Werk Rittershausen und ein zusammengestelltes Team eines externen Entwicklungsdienstleisters, dem zwei ‚Veteranen‘ des Schaltschrank-Anbieters als Berater zur Seite gestellt wurden. Diese drei Teams sollten ohne Kontakt untereinander das Profil für den Schaltschrank der Zukunft entwerfen. Die Teams waren mit den Erkenntnissen der Feldstudie vertraut, arbeiteten aber ohne konstruktive Beschränkung komplett autark. Jeweils zwei Profilentwürfe der drei Teams – insgesamt entstanden über 200 – wurden im Oktober 2013 der ‚Jury‘ vorgelegt, bestehend aus dem Eigentümer Dr. Friedhelm Loh und dem Geschäftsführer Forschung und Entwicklung, Dr. Thomas Steffen. Hauptauswahlkriterien waren die Funktionen und Kundenvorteile. 

Kundenvorteil im Fokus

Herausgekommen ist der Schaltschrank ‚VX25‘, bei dem der Hersteller gezielt nur an den Stellen angesetzt hat, wo es Kunden einen Vorteil bringt. „Bewährtes haben wir weitestgehend erhalten, um unseren Kunden den Umstieg zu erleichtern“, erklärt Matthias Müller, Abteilungsleiter Produktmanagement Schaltschränke. Neu sei, „dass der Schaltschrank so tickt, wie der Kunde denkt und handelt: in Funktionen und Prozessen“. 

Ein Beispiel ist die Zugänglichkeit von allen vier Seiten. So lässt sich die äußere Montage-Ebene von außen bestücken, was in der Praxis für gut 40 % der Rittal-Kunden eine große Erleichterung bedeutet. Auf diese Weise lassen sich rund 30 Minuten Zeit gegenüber der konventionellen Montage einsparen. 

Maßraster des Schaltschrankes Bildquelle: © Rittal

Ein durchgängiges 25-mm-Maßraster und Symmetrie helfen dabei, die Komplexität in der Schaltschrank­technik zu reduzieren.

Gleiches gilt für die Möglichkeit, Montageplatten – speziell mit hohem Gewicht – auch von hinten einzubauen. Zudem bieten 20 mm mehr Einbautiefe auf der Rückseite erweiterten Handlungsspielraum. Dies ist wichtig, um dem Wunsch nach höheren Packungsdichten gerecht zu werden. 

Des Weiteren werden die Flachteile des ‚VX25‘ zur Optimierung der Wertschöpfungskette von Kunden mit einem ein­deutigen QR-Code versehen, wodurch die Bauteile im Warenwirtschaftssystem des Kunden der jeweiligen Stücklistenposition zugeordnet werden. Somit lassen sich zum Beispiel die Flachteile über den ­kompletten Workflow tracken, den korrekten Bearbeitungsprogrammen zuordnen und ihre Bearbeitungszeiten erfassen. Dank Multifunktionsbauteilen reduziert sich zudem die Komplexität in der Teilevielfalt. 

Montage ohne Werkzeug

Sockel des Schaltschrankes Bildquelle: © Rittal

Im Sockel, der die Funktionen des ‚TS‘-Sockels und des Sockelsystems ‚Flex-Block‘ kombiniert, lässt sich das ­Schrankzubehör einbauen.

Zeiteinsparung gibt es dank des Snap-on-Griffsystems auch beim Griffwechsel, der nun doppelt so schnell erledigt ist wie bisher. Musste der Griff früher mit Schrauben montiert werden, genügt heute ein „einmal dranhalten, zudrücken, fertig“. Auch das bislang nötige Kleben der Anreihdichtung entfällt beim neuen Schrank, da diese nun gesteckt wird. Eine Schraubverbindung in Anreihrichtung vereinfacht beliebige Kombinationen nach allen Seiten.

Weitere Erleichterungen betreffen nochmal die Tür: So können sich Kunden künftig die mechanische Bearbeitung der Tür bei der 180°-Scharnier-Montage sparen. Bisher waren bei der Umrüstung einer Tür auf 180° rund 30 Minuten pro Tür nötig durch das Bohren von acht Löchern, dem Entgraten und anschließendem Lackieren. Heute lässt sich die Tür wie eine Wohnungstür aus- und einhängen und ist im geschlossenen Zustand automatisch gesichert.

Eine weitere Innovation ist der Schaltschrank-Sockel. Er kombiniert alle Funk­tionen des Vorgänger-Sockels (TS) und des Sockelsystems ‚Flex-Block‘. Das Schrank­zubehör ist im Sockel einbaubar. Im Sockel geführte Kabel lassen sich
über System-Chassis abfangen und fixieren. Last but not least vereinfacht eine integrierte Zentrierhilfe im Eckstück das Positionieren und der Sockel lässt sich direkt von oben befestigen.

Autoren:
Ulrich Kläsener ist Journalist bei Mediabridges in Bergisch Gladbach;
Hans-Robert Koch ist Gruppenleiter Produktkommunikation bei Rittal in Herborn.