Nachgehakt bei Prof. Dr. Dieter Rombach: Software von morgen

Seit knapp zwei Jahren arbeitet der Software-Cluster – ein Verbund aus Unternehmen, Hochschulen und Forschungsinstituten – an den Grundlagen künftiger Software-Architekturen. Rund 80 Mio. Euro fließen bis 2015 in die Erforschung und Entwicklung so genannter emergenter Software. Prof. Dr. Dieter Rombach vom Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering gibt einen Statusbericht.

Prof. Dr  Dieter Rombach Bildquelle: © Fraunhofer IESE

Prof. Dr. Dieter Rombach, Geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IESE

"Der Software-Cluster entwickelt das Fundament für die zukünftige Software-Architektur"

Herr Dr. Rombach, was verbirgt sich hinter dem etwas sperrigen Begriff emergente Software?

Nicht weniger als der nächste Evolutionsschritt hin zur Unternehmenssoftware von morgen. Emergente Software wird es ermöglichen, dynamisch und flexibel eine Vielzahl von Komponenten unterschiedlicher Hersteller zu kombinieren – ohne großen Aufwand. So können die Unternehmen schnell Veränderungen im Markt in ihren Softwaresystemen abbilden, beispielsweise abgewandelte oder sogar neue Geschäftsmodelle aufsetzen. Gegenüber Unternehmen, die klassische Software nutzen, ist das ein enormer Wettbewerbsvorteil.

Welche Trends gaben den Anstoß zu dem Forschungsprojekt?

Die Forschungsprojekte innerhalb des Software-Clusters wurden von vielen Trends inspiriert, angefangen von Cloud-Computing, Mobile-Computing und Social-Media bis hin zum Klassiker IT-Sicherheit. All diese Bereiche spielen eine Rolle, wenn Unternehmen zum Beispiel ein digitales Netzwerk von Geschäftsbeziehungen ähnlich einer Vernetzungsplattform wie Facebook aufbauen wollen.

Wo liegen die technologischen Herausforderungen?

Software ist emergent, wenn sie sich in unternehmensübergreifende Prozesse möglichst ohne weitere Anpassung auf sichere Weise integrieren lässt und sofort vom Endanwender nutzbar ist. Sie passt sich dynamisch den Anforderungen aus dem Markt und im Geschäftsumfeld an, ermöglicht neue Dienstleistungen im künftigen Internet und führt zu einem Innovationssprung in der Wertschöpfung sowohl für Software-Anbieter als auch für die Nutzer. Somit liegen die technologischen Herausforderungen in den Bereichen Adaptivität, Sicherheit, Interoperabilität und Nutzerfreundlichkeit. Themen wie Security und Datenschutz nehmen dabei einen hohen Stellenwert ein.

Gibt es nach knapp zwei Jahren Forschung schon konkrete Ergebnisse?

Einer unserer ersten Forschungs-Prototypen, die wir auf der Cebit präsentiert haben, zielt auf das Thema Datenschutz ab: Die Durchsetzung von Sicherheitsrichtlinien, um den Zugriff und die Verwendung von Daten unternehmensübergreifend zu regeln. Außerdem hat der Software-Cluster einen Technologie-Prototyp entwickelt, der die komfortable Fernwartung von industriellen Produktionsanlagen mithilfe einer 3D-Visualisierung ermöglicht.

Wie muss man sich das Zusammenspiel solcher Software-Fragmente vorstellen?

Ähnlich wie man heute Urlaubserinnerungen online mit seinen Freunden teilt, werden demnächst auch einzelne Software-Module über Vernetzungsplattformen im B2B-Bereich angeboten. Nutzer werden die Möglichkeit haben, diese zu bewerten und hinsichtlich Reputation zu klassifizieren. Die einzelnen Komponenten können über die Plattform leicht gefunden und zu einem unternehmensübergreifenden Geschäftsmodell zusammen mit eigenen oder weiteren Bausteinen kombiniert werden.

Was macht ein IT-Leiter mit seiner bestehenden ERP-Lösung, lässt diese sich nachrüsten oder muss sie ausgemustert werden?

Grundsätzlich kann jeder Anbieter sein ERP-System für Emergenz flott machen. Der Aufwand zur Umstellung wird aber von Fall zu Fall variieren. Es hängt vom IT-Leiter ab, ob er auf eine bestehende emergente ERP-Lösung umstellt oder seinen Anbieter dazu bringt.

Bis wann ist mit ersten Implementierungen zu rechnen?

Obwohl wir uns noch in der Grundlagenphase befinden, in denen der Schwerpunkt eindeutig auf der Erforschung und Entwicklung grundlegender Konzepte und Technologien liegt, sind erste Implementierungen schon in vollem Gange. Praxistaugliche Prototypen werden ab 2013 entwickelt werden.