Nachgehakt bei Prof. Detlef Zühlke: Industrie 4.0 ist Realität!

Das Forschungszentrum SmartFactory am DFKI existiert nun seit zehn Jahren. Auf der Hannover Messe wollen die Akteure der SmartFactory nicht nur eine lauffähige Industrie-4.0-Demo-Anlage, sondern auch erste marktfähige Produkte präsentieren. Prof. Detlef Zühlke zieht Bilanz.

Prof. Zühlke, DFKI Bildquelle: © DFKI
'Wir haben uns auf eine Reihe von Standards geeinigt!'

Herr Prof. Zühlke, das Forschungszentrum Smart Factory existiert nun seit zehn Jahren. Welche Bilanz ziehen Sie?
■ Wir haben vor zehn Jahren offenbar das vorausgesehen, was mittlerweile mit dem Schlagwort Industrie 4.0 ­umschrieben wird: die Vernetzung aller Elemente einer Fabrik auf Basis von Internet-Technologien – von Maschinen über Produkte bis hin zum Menschen. Dabei war von Anfang an neben den ­Forschungsfragen immer auch die industrielle Anwendung in Form von Demonstratoren unser Ziel. Bereits 2006 haben wir gemeinsam mit unseren Industriepartnern die erste ­große Demonstrationsanlage in Betrieb genommen, die dann als rea­listisches Versuchsfeld für die Fortentwicklung der Automa­tisierungstechnik diente. Aktuell ist der Mitgliederkreis auf 37 Akteure angewachsen, die sich sehr aktiv an der Fortentwicklung beteiligen. Auf der nächsten Hannover Messe ­werden wir erneut die einzige Plattform sein, die eine Industrie-4.0-Demo-Anlage in hersteller­übergreifender Kooperation von mittlerweile 17 Partnern zeigen kann.

Eines der Ziele der SmartFactory war ja, die Voraussetzungen für marktreife Produkte zu generieren. Wie steht es damit?
■ Industrie 4.0 ist mittlerweile praxisreif! So ­werden einige unserer Mitgliedsfirmen auf der kommenden ­Hannover Messe erste Produkte vorstellen, die einem Kunden ermöglichen, modulare Produktionsmodule nach dem Plug&Play-Prinzip zu bauen. Hierzu haben sich unsere Mitglieder auf eine Reihe von Standards geeinigt, die als Grundvoraussetzung für eine herstellerübergreifende Vernetzung erfoderlich sind.

Das heißt aber auch, dass Ihre Mitglieds-­Firmen nun von einem vorwettbewerblichen in ein wettbewerbliches Stadium zueinander übergetreten sind. Wirkt sich dies auf das ­Gesamtprojekt aus?
■ Natürlich gestaltet sich eine Zusammenarbeit schwieriger, wenn man sich der Marktreife und somit dem Wettbewerb nähert. Da bekommen Geheimhaltungs- oder Marketingfragen ein viel größeres Gewicht! Aber alle Partner wissen letztlich auch, dass sie nur gemeinsam gewinnen können. Erst wenn die Kunden sehen, dass hier ein echter Markt mit mehreren Anbietern entsteht, sind sie auch bereit, Produkte zu kaufen und einzusetzen.

Sie sagen, dass sich Ihre Mitgliedsgruppe auf einheitliche Standards geeinigt hätte. Welche Standards sind dies und welche Signalwirkung erhoffen Sie sich nun von der Veröffentlichung dieser Standards?
■ Offenbar bieten wir momentan die einzige Kooperationsplattform, die in der Lage ist, sich auf Standards zu einigen. Das reicht vom gemeinsamen Stecker und Kabel über die Internet-Standards TCP/IP und OPC UA bis hin zu Interoperabilitäts-Standards, die jeweils in Arbeitsgruppen unter unserer Leitung beschlossen werden. Zugegebenermaßen ist so etwas in einer kleinen Gruppe viel einfacher machbar als über die offiziellen Wege, an denen etwa die Plattform Industrie 4.0 gescheitert ist.

Herr Zühlke, mit Ihrer 10-jährigen SmartFactory-Erfahrung: Wie bewerten Sie die derzeitigen Aktivitäten und Wirren rund um die Plattform Industrie 4.0?
■ Die Plattform Industrie 4.0 hatte von Anfang an grundlegende ‚Konstruktionsfehler‘, die zu sehr schwierigen Entscheidungswegen geführt haben. Bereits Darwin hat gesagt, dass nicht die Stärksten oder Intelligentesten die Evolution ­gewinnen, sondern die, die am schnellsten auf Veränderungen reagieren. Dies machen uns momentan andere Länder wie Korea oder die USA vor. Hier schließen sich große Player pragmatisch zusammen und gestalten die Zukunft. Dieses Problem ist nun auch nach zwei nahezu verlorenen Jahren der Politik bewusst geworden und man beginnt nun hektisch zu handeln. Was wir jetzt dringend brauchen, ist eine schlagkräftige Dach­organisation sowie Demonstrations- und Anwendungszentren, die vor allem den Mittelstand in die neue Industrie-4.0-Welt ­führen können.