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Kommentar zur SPS IPC Drives 2017: Eine Frage der 'sozialen' Kompetenz

Die SPS IPC Drives ist "der" Spiegel der Branche: Plakativ zeigte sie die Industrie-4.0-Strategien von Siemens, Beckhoff, B&R und Co. auf; legte aber auch offen, wie schwer sich die Branche mit der Einigung auf einen Kommunikations-Backbone für die Fabrik von morgen tut.

Meinrad Happacher, Chefredakteur der Fachzeitschrift Computer&AUTOMATION Bildquelle: © WEKA Fachmedien

Ein Kommentar von Meinrad Happacher, Chefredakteur Computer&AUTOMATION

„Das Thema Industrie 4.0 befeuert derzeit massiv das Wachstum der deutschen Automatisierer“, ist sich Roland Bent sicher. Der Vorstand des Fachverbandes Automation im ZVEI frohlockt anlässlich der SPS IPC Drives 2017: „Mit einem derart sprunghaften Anstieg des Auftragseingangs um 10,4 % haben wir nicht gerechnet.“  Mit anderen Worten: Die deutsche Automatisierungsszene labt sich genüsslich an den Vorschuss-Lorbeeren des Industrie 4.0-Hype – geliefert wird ...

... ab jetzt, wenn es nach Siemens-Vorstand Klaus Helmrich geht: „Die technologischen Voraussetzungen für Industrie 4.0 haben wir geschaffen!“ Jetzt gehe es darum, „ein erweitertes Modell der respektvollen, partnerschaftlichen Zusammenarbeit zu schaffen: Großunternehmen liefern Plattformen und Komponenten, mittelständische Unternehmen entwickeln darauf eigene Lösungen und Geschäftsmodelle und die Endkunden integrieren diese in ihre digitale Wertschöpfungskette.“

Aus Siemens-Sicht mag nun tatsächlich die soziale Komponente im Vordergrund der Industrie-4.0-Etablierung stehen. Der Weltmarktführer hat sich schon vor Jahren auf die Digitale Transformation hin ausgerichtet, mit zielgenauen Zukäufen komfortabel positioniert und die notwendigen Hausaufgaben gemacht – jetzt beim Kunden und dem Mitwettbewerb Vertrauen aufzubauen und Abhängigkeitsgefühlen entgegenzuwirken, mag für den Primus das Gebot der Stunde sein. Wie aber steht es um den Rest der Branche? Die Automatisierer in der zweiten Reihe wie Beckhoff und B&R sind noch fieberhaft dabei, sich technologisch zu positionieren und mit neuen Technologien wie den Linearmotor-basierten Transport-Systemen zum Lösungsanbieter aufzuschwingen – selbstredend den Digitalen Zwilling und die Cloud-Lösung mit im Gepäck. Aber was machen die Akteure in der dritten Reihe? All jene, die derart enorme Investitionen scheuen oder sich schlichtweg nicht leisten können?

Und letztlich bleibt doch noch eine wichtige technologische Fragestellung: Wie kommt die Branche zu einem einheitlichen Kommunikations-Backbone in den Fabriken, der aus Sicht vieler Industrie-4.0-Päpste unverzichtbar ist? Um eine einheitliche Lösung OPC UA plus TSN – vom Sensor bis in die Cloud – wird noch erbittert gestritten. Die Branche ersehnt sich in diesem Punkt ein klares Zeichen des Marktführers. Ein Besucher des Messe-begleitenden ‚Automation 4.0 Summit‘ bringt es mit der Frage an den bei Siemens beschäftigten Vertreter der OPC Foundation auf den Punkt: „Wir haben eine einheitliche Lösung bis dato zweimal verpasst – einmal bei den Feldbussen, das andere Mal bei den Ethernet-basierten Lösungen – wollen wir es jetzt ein drittes Mal vergeigen?“ Der Angesprochene bleibt leider eine klare Antwort schuldig; er hätte jetzt dringend mentaler Unterstützung seines Chefs bedurft. – Denn was es jetzt braucht, ist tatsächlich ein „erweitertes Modell der respektvollen, partnerschaftlichen Zusammenarbeit“. Herr Helmrich, geben Sie sich einen Ruck: Überraschen Sie die Branche mit Ihrer sozialen Kompetenz!