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China Manufacturing 2025: Industrie 4.0 in China

Anfang April 2017 trafen sich in Shenzhen/China rund 1000 internationale Experten zur zweiten ­Veranstaltung 'China manufacturing 2025 Summit' mit dem Themenschwerpunkt 'Global trans­formation to intelligent manufacturing'. Rahman Jamal war vor Ort und schildert seine Eindrücke.

Rahman Jamal mit chinesischer Flagge Bildquelle: © Bild: Computer&AUTOMATION, Quellen: National Instruments, Fotolia / railwayfx

Rahman Jamal,Global Technology & Marketing Director bei National Instruments: "Der chinesischen Politik ist es mit 'Made in China 2025' sehr ernst."

Herr Jamal, 1000 internationale Experten zum Thema Industrie 4.0 in China – ist eine solche Veranstaltung in China mit Kongressen hierzulande vergleichbar?

Jamal: Ja, durchaus. Zu den Teilnehmern zählten Experten ebenso wie Hochschuldozenten und Unternehmensrepräsentanten. Auch prominente multinationale Firmen wie Intel und Accenture waren vertreten. Ich war jedenfalls überrascht, dass so viele Teilnehmer beim Thema ‚Made in China 2025‘, wie die dortige Initiative entsprechend unserer ‚Industrie 4.0‘ heißt, vor Ort waren.
Für mich persönlich sehr interessant war insbesondere das Closed-Door-Meeting, das am Tag vor der offiziellen Veranstaltung stattfand. Als einziger international geladener Teilnehmer aus der Industrie konnte ich erleben, wie hochwertig die Diskussionen unter den allesamt handverlesenen Experten war. Dass das Thema auch politisch hoch angesiedelt ist, ließ sich daran erkennen, dass der Minister für Wissenschaft und Technologie der Volksrepublik China, Wan Gang, diese Closed-Door-Session leitete und auch den Summit eröffnete.

Warum waren Sie der einzige international geladene Teilnehmer aus der Industrie?

Jamal: Ich war geladen, um die globale Perspektive zum Thema IIoT und Industrie 4.0 aus meiner Sicht darzulegen. Die Experten wollten Empfehlungen hören, wie sie das Ziel ‚Made in China 2025‘ erreichen können. Und dass es den Chinesen mit Industrie 4.0 ernst ist, lässt sich auch daraus ableiten, dass der Vertreter des chinesischen Ministeriums für Industrie und Informationstechnologie (MIIT), Dr. Xiaopeng An, anwesend war und sich auch persönlich mit mir über Technologietrends in den USA und Deutschland austauschen wollte.

Wie beurteilen Sie die Kooperation und den Wissensaustausch zwischen China und dem Ausland?

Jamal: China befindet sich meines Erachtens noch in der Informationssammlungsphase. Dinge wie IIoT-Labs oder Indus­trie-4.0-Labs schießen momentan wie Pilze aus dem Boden. Ein Beispiel dafür ist etwa das 2014 eröffnete ‚Industry 4.0 Smart Factory Lab‘ der Tongji University, mit dem National Instruments zusammenarbeitet. Das unterschiedliche Niveau der beiden Länder im IIoT-Bereich spiegelt auch der generelle Status in Forschung und Entwicklung der beiden Länder wider: Deutschland investiert heute schon 3 % des Brutto-inlandsprodukts in diesen Bereich; in China sind es derzeit noch 2,1 %. Für das Jahr 2020 sind 2,5 % angedacht.
Vor drei Jahren haben die deutsche und die chinesische Regierung eine strategische Partnerschaft besiegelt, um zielgerichtet in Forschung und Innovation stärker zusammenzuarbeiten. Erste Pilotprojekte sollen noch in diesem Jahr starten – auch zu den Themen Industrie 4.0, Elektromobilität und Energie.

Ist das Lab der Tongji-Universität mit Einrichtungen in den USA und Deutschland vergleichbar?

Jamal: Ja, absolut! Zu sehen ist dort eine komplette Fertigungsstraße mit Robotern, digital gesteuerten Werkzeugmaschinen sowie mit Hardware und Software wie etwa Robotergleitschienen, intelligenten Kameras, Servern, Steuer- und Regelsoftware und Dienstprogrammen. Das Labor zielt darauf ab, ein flexibles Produktionsmodell mit Digitalisierung und Personalisierung zu schaffen und zu einem Demonstrationsprojekt für eine intelligente Fabrik in der chinesischen Fertigungsindustrie zu werden.

Wie beurteilen Sie die Innovationskraft der Chinesen? Bezogen auf Industrie 4.0: Auf welchem Niveau sehen Sie China bis zum Jahr 2025?

Jamal: Die chinesische Politik möchte mit ‚Made in China 2025‘ erreichen, auch dann als Standort für die Fertigung attraktiv zu bleiben, wenn das Land nicht mehr als Billiglohnland gilt. Gelingt dem chinesischen Markt die Umsetzung dieses Vorhabens, dann müssen sich Industrienationen wie Deutschland warm anziehen!

Also sich besser abschotten oder doch kooperieren?

Jamal: Deutschland hat sich für Kooperation entschieden, was ich sehr begrüße: So gibt das Bundesministerium für Bildung und Forschung jährlich etwa 20 Mio. Euro für seine China-Strategie aus. Unsere Bundeskanzlerin hat sich explizit für die Einrichtung eines gemeinsamen Forschungsfonds ausgesprochen, mit dem ein verlässlicher Rahmen für eine strategische Zusammenarbeit mit dem asiatischen Land sichergestellt werden soll. Dieser Fond soll nächstes Jahr ins Leben gerufen und ab 2020 jährlich mit bis zu 4 Mio. Euro von jedem der beiden Länder befüllt werden. Und es gibt eine ganze Reihe weiterer Kooperationsbeispiele: Seit 2011 gibt es die „Deutsch-Chinesischen Regierungskonsultationen“, die bereits dreimal stattfanden. Wohlgemerkt ist China eine der wenigen Nationen, mit denen Deutschland solche Konsultationen umsetzt. In diesen wurden mittlerweile zehn ‚Gemeinsame Absichtserklärungen‘ beschlossen. So etwa auch die ‚Gemeinsame Erklärung zum Aufbau einer Deutsch-Chinesischen Plattform Innovation‘. Der Fokus dieser von BMBF und MoST (Ministry of Science udn Technology) unterzeichneten Plattform liegt hierbei auf der Innovationsforschung und -politik.
Ein weiteres Beispiel der Kooperation zwischen Deutschland und China ist die Förderung gemeinsamer Hochschuleinrichtungen. Hierzu gehört auch die erwähnte Chinesisch-Deutsche Hochschule für Angewandte Wissenschaften an der Tongji-Universität. Im Wintersemester 2016/2017 studierten dort 85 deutsche und Schweizer Studierende, wovon 66 einen Doppel-Bachelor anstrebten. – Diese Studentenzahl soll noch ausgebaut werden.

Herr Jamal, Sie haben anlässlich der Reise auch den Titel eines Gastprofessors von der Chinesisch-Deutschen Hochschule für Angewandte Wissenschaften verliehen bekommen. Welche Eindrücke haben Sie von der Hochschule mitgenommen?

Jamal: Bei der CDHAW an der Tongji-Universität handelt es sich um die offizielle chinesisch-deutsche Fakultät. Interessant fand ich, dass die dortigen Studenten allesamt unsere Sprache beherrschen und dass auch die Vorlesungen auf Deutsch gehalten werden. So auch meine Auftakt-Vorlesung als Gastprofessor, der 200 interessierte chinesische Studenten beiwohnten, und in der ich über das Thema ‚Plattformen für IIoT‘ referierte. Alle Studenten am CDHAW werden zudem das vierte Studienjahr in Deutschland verbringen. Dabei absolvieren sie ein Studiensemester an einer der 27 deutschen beziehungsweise Schweizer Partnerhochschulen sowie eine Praxisphase in einem hiesigen Unternehmen beziehungsweise erstellen dort ihre Bachelor-Arbeit.
Im Übrigen bin ich der vierte deutsche Gastprofessor neben Vertretern der Firmen SAP, VW und Phoenix Contact. Allein an dieser Aufstellung lässt sich deutlich sehen, wie ernst den Chinesen das Thema ‚Industrie 4.0‘ ist, denn sie umgeben sich mit Experten und Kompetenzen unterschiedlichster Industriezweige.