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Industrie 4.0: China als Leitmarkt?

Kann sich China zum Industrie-4.0-Leitmarkt entwickeln? Trotz mancher Fehlanreize durch staatliches Eingreifen, Investitionsblasen und Überkapazitäten ist Chinas Innovationskraft nicht zu unterschätzen: Es gibt Pioniere, von denen sich in Sachen Smart Manufacturing lernen lässt!

A_China als Leitmarkt für Industrie 4.0 Bildquelle: © Fotolia / railwayfx, Computer&AUTOMATION

Chinesische Fertigungsunternehmen können hiesigen Unternehmen als Inspiration dienen: Chinas Firmen haben kein IT-Erbe von vier bis fünf Jahrzehnten. Kühne Unternehmer stoßen auf weniger Widerstand, wollen sie ihre radikale Visionen intelligenter, vernetzter Produktionskonzepte verwirklichen. Ein gutes Beispiel hierfür ist etwa der chinesische Haushaltswarenhersteller Haier.

Eng verknüpft hiermit ist der Aspekt, dass chinesische Unternehmen das Konzept ‚customized manufacturing at mass manufacturing prices‘ verstanden haben. Han‘s Laser, der größte chinesische Laserhersteller, kaufte in den letzten zwei Jahren drei Systemintegratoren. Seine Vision ist, dass auch Industriekunden ihre Ersatzteile mittels ihres Smartphone bestellen und der Prozess von der Anlieferung der Rohstoffe aus dem Lager über die Bearbeitung bis hin zur Auslieferung automatisch abläuft. Mit diesen Kompetenzen kann Han‘s Laser in China komplexere Systemlösungen anbieten als etwa Trumpf, sein etablierter Wettbewerber aus Deutschland.

Chinesische Firmen sind offen für neue Geschäftsmodelle: Der Roboterhersteller Zhi Jui Robots etwa bietet ‚Robots as a Service‘ an. Die Logistikroboter des Unternehmens werden nach der Anzahl abgewickelter Bestellungen in den Lagern ihrer Kunden bezahlt. Einheimische Systemintegratoren gründen Joint-Ventures mit Branchenführern aus der fertigenden Industrie und teilen die Gewinne beziehungsweise Einsparungen durch Automation nachträglich mit ihnen. Beide Modelle erhöhen bei unerfahrenen, skeptischen Kunden die Bereitschaft, solche Lösungen auszuprobieren.

Den Cost-Down-Ansatz haben chinesische Unternehmen nicht nur in der Automation verinnerlicht. Vor Kurzem präsentierte ein chinesischer Systemintegrator seine eigene Machine-Vision-Lösung. Er entwickelte die Software und das Steuerungssystem selbst und kauft nur noch die Kamera aus Deutschland. Das Gesamtsystem kostet nur einen Bruchteil des oft in ähnlichen Fällen eingesetzten Systems von Cognex. Ähnliches lässt sich auch in anderen Bereichen beobachten – etwa bei kollaborativen Robotern. Fallende Preise werden eine Vielzahl neuer Anwendungsmöglichkeiten eröffnen!

Ein weiterer Pluspunkt für China: Es gibt nach wie vor fleißige Chinesen. Einige Unternehmen in der digitalen Wirtschaft sind stolz darauf, sechs Tage die Woche von neun Uhr morgens bis 21 Uhr abends zu arbeiten. Insgesamt macht das 72 Stunden in der Woche, in der man mit der Konkurrenz aus dem Westen aufholen kann.

Last but not least ist die Geschwindigkeit der Arbeit in China häufig schneller als in Deutschland oder sogar im Silicon Valley. Die Zeitfenster, um eine Geschäftsmöglichkeit in China zu nutzen, sind kürzer als in frühindustrialisierten Ländern. Ständige Veränderung und die Anpassung an sie sind Bestandteil der modernen kulturellen chinesischen DNA.